Jakobus Onnen

Jakobus Albertus Onnen (* 3. August 1906 in Tichelwarf, Rheiderland;[1]12. August 1943 in Lipljanschtschina, Gemeinde Naroditschi, Oblast Schitomir, Sowjetunion[2]) war ein deutscher Lehrer und mutmaßlicher Täter des Holocaust. Im Jahr 2025 identifizierte ihn ein Forschungsteam unter Leitung des Historikers Jürgen Matthäus als mutmaßlichen Schützen auf der unter dem Titel Der letzte Jude in Winniza bekannten Aufnahme. Das Bild gilt als eines der bekanntesten Zeugnisse des Holocaust.[3]

Leben

Ehrenmal vor dem Heimatmuseum Rheiderland. Onnens Name wird auf der Platte ganz unten rechts genannt. Die Stelle wurde im November 2025 mit einer Plakette überklebt.

Onnen wurde 1906 im ostfriesischen Dorf Tichelwarf nahe der niederländischen Grenze geboren.[3] Er entstammte einer bürgerlichen Beamtenfamilie und interessierte sich schon in seiner Jugend für Fremdsprachen und Reisen.[3] Sein Vater, der Hauptlehrer Johann Onnen, starb bereits 1924, was für den knapp achtzehnjährigen Sohn eine biografische Zäsur markiert.[4][5] Nach seinem Studium Moderner Sprachen an der Universität Göttingen arbeitete er ebenfalls als Lehrer.[6] 1931 trat er der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) bei, wurde zum 1. November desselben Jahres in die NSDAP aufgenommen (Mitgliedsnummer 723.098)[7] und wechselte ein Jahr später von der SA zur SS.[4] Von 1934 bis 1938 unterrichtete er als Studienrat Französisch, Englisch und Sport an der Deutschen Kolonialschule (DKS) in Witzenhausen bei Kassel, wo er 1938 als Mitverfasser der Jubiläumsschrift 40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen[8] in Erscheinung trat und auch weitere Schriften verfasste. Biografisch auffällig ist sein dreimaliger erfolgloser Versuch (1935, 1937, 1938), mit jeweils unterschiedlichen Frauen eine Verlobungs- und Heiratsgenehmigung der SS zu erlangen, bis er sich schließlich im April 1939 spontan und ohne Genehmigung mit der Schwester seines DKS-Schulvorgesetzten verheiratete.[9] Im August 1939 kam er aus nicht näher bekannten Gründen zum SS-Totenkopfverband im KZ Dachau und wurde damit Teil der bewaffneten Kräfte der SS.[4] Interne Streitigkeiten an der Schule, an denen Onnen sich offensiv beteiligt hatte, dürften seine plötzliche Kündigung kurz vor Kriegsbeginn mitverursacht haben.[10]

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Onnen zum Jahreswechsel 1939/40 im Rahmen der sogenannten SS-Polizeiverstärkung als Schulungsleiter zur Ordnungspolizei nach Płock im besetzten Polen versetzt. Im Zuge der Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion kam er Anfang Juni 1941 zur Einsatzgruppe C,[4] die in der Ukraine eingesetzt wurde. Diese mobilen Einheiten waren in dem von deutschen Truppen besetzten Teil der Sowjetunion damit beschäftigt, die eroberten Gebiete von „Juden und Partisanen“ zu säubern.[11] Die Einsatzgruppe C unter dem Kommando des Juristen und SS-Brigadeführers Otto Rasch bestand aus etwa 700 Mann und ermordete bis zum Frühjahr 1942 mehr als 100.000 überwiegend jüdische Zivilisten,[12] woran sich Onnen aktiv beteiligte (siehe Abschnitt Identifikation als Schütze auf dem Holocaust-Foto Der letzte Jude in Winniza). Mit der Umwandlung der Einsatzgruppen in stationäre Dienststellen unterstand er dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Schitomir. In einem ukrainischen Dorf etwa 100 Kilometer nördlich der Stadt kam er am 12. August 1943 bei einem Kampf gegen Partisanen ums Leben.[4] Seine Grabstätte befindet sich auf der Kriegsgräberstätte in Kiew.[1]

Als „Quereinsteiger in die SS-Exekutive“[5] hatte Onnen weder die operative Kaderausbildung im Reichssicherheitshauptamt absolviert noch – wie zahlreiche andere Einsatzgruppen-Mitglieder – eine Karriere bei Sipo- und SD-Dienststellen durchlaufen. Während seiner Dienstzeit als SS-Unterführer erreichte er dementsprechend auch keinen höheren Rang: Zuletzt war er SS-Unterscharführer der Waffen-SS, was einem Unteroffizier entspricht. Der Historiker Jürgen Matthäus stellt fest: „Die Teilnahme an solchen Massakern brachte weder Karriere noch Belohnungen. In diesen Tötungseinheiten galt es als normal.“[13]

In Weener ist sein Name auf dem Ehrenmal vor dem Heimatmuseum genannt, das an die Opfer von Krieg oder Gewalt erinnern soll. Die Stadt befasste sich nach Bekanntwerden der von Onnen begangenen Verbrechen damit, wie sie mit der Namensnennung umgehen soll.[14] Schließlich beschloss die Stadtverwaltung den Namen im November 2025 mit einer Plakette zu überkleben, auf der sich ein QR-Code und ein Hinweis auf weitere Informationen in der Begegnungsstätte in der Westerstraße befinden.[15] Dies wurde im selben Monat umgesetzt.[16]

Identifikation als Schütze auf dem Holocaust-Foto Der letzte Jude in Winniza

Der letzte Jude in Winniza

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Der Historiker Jürgen Matthäus identifizierte Onnen im Oktober 2025 als Schützen auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie aus den frühen 1940er-Jahren, die die bevorstehende Erschießung eines Juden durch einen Angehörigen der deutschen Einsatzgruppen vor einem Massengrab zeigt. Die Aufnahme, die allgemein als Der letzte Jude in Winniza betitelt wird, gilt als eine der bekanntesten Aufnahmen des Holocaust.[17][3] Viele der Details der Aufnahme sind jedoch nach wie vor ungeklärt.

Matthäus befasst sich seit vielen Jahren mit dem Bild. Im Ergebnis seiner Untersuchungen geht er davon aus, dass die auf dem Bild festgehaltene Massenexekution 1941 entgegen der Ortsangabe im Titel nicht in Winnyzja, sondern in den frühen Nachmittagsstunden[18] des 28. Juli 1941 in Berdytschiw von der Einsatzgruppe C begangen wurde.[3] Er stützt sich dabei auf das Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers namens Walter Materna, in dem dieser das Massaker schildert. In dem Tagebuch ist auch eine deutlich schärfere und detailreichere Version des Fotos Der letzte Jude in Winniza mit der Notiz „Ende Juli 1941. Erschießung von Juden durch die SS in der Zitadelle Berditschew“ sowie am unteren Rand zusätzlich: „28. Juli 1941“.[19] Ein weiteres Foto zeigt die Szene aus einer um 90 Grad gedrehten Perspektive. Es stammt aus dem Besitz des Wehrmacht-Feldwebels Heinz Baier und ist ziemlich unscharf, da der Fotograf die Kamera während der Aufnahme zu stark bewegt hat. Sie scheint kurz nach dem anderen Foto entstanden zu sein, zeigt aber wohl denselben Täter, dieselben Zuschauer, aber ein weiteres Opfer. Das Bild ist auf der Rückseite ebenfalls mit Notizen versehen. Baier hatte dort handschriftlich vermerkt: „Judenerschießung in Berditschew durch SS“ sowie „Wahnsinn in höchster Potenz“. Diese Notizen könnten, so Die Welt, die von Matthäus’ Recherchen berichtete, auch nach 1945 entstanden sein.[19] Ort und Zeitpunkt der Aufnahme waren damit geklärt, die Identität des Schützen hingegen blieb zunächst unklar.

Den entscheidenden Hinweis erhielt Matthäus, nachdem ein angeheirateter Verwandter Onnens den Bericht in der Welt gelesen hatte[19] und sich dann an den Historiker wandte.[12] Der Mann kannte das Bild und vermutete seit Längerem, dass der auf dem Foto abgebildete Schütze der Onkel seiner Frau sei.[12] Grundlage dieser Annahme war erhaltene Korrespondenz aus der Zeit. Zwar waren den Angaben zufolge Briefe von der Ostfront in den 1990er Jahren vernichtet worden, doch konnte er Matthäus entscheidende Informationen zu Onnens Biografie und Fotografien[20] zur Verfügung stellen. Diese nutzte das internationale Recherchekollektiv Bellingcat für eine KI-gestützte Bildanalyse.[21]

Die dabei eingesetzte KI stellte eine hohe Übereinstimmung der Bilder aus Familienbesitz und der Person auf dem Foto Der letzte Jude in Winniza abgebildeten Person fest. Nach Angaben von Matthäus reichte dies alleine als Beleg nicht aus. Die von der KI festgestellte Ähnlichkeit sei jedoch hoch genug gewesen, um in Verbindung mit weiteren dokumentarischen Belegen die Identifizierung zu ermöglichen.[22] Diese sei ein „schrittweiser Prozess“ aus traditioneller Archivarbeit, glücklichen Zufällen und der Beteiligung von Freiwilligen der Open-Source-Journalismusgruppe Bellingcat gewesen.[23]

Werke

  • Rohstoffe aus eigenem kolonialen Raum. Leipzig 1937.
  • 40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen. Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Deutschen Kolonialschule Witzenhausen 1898–1938. Bearb. von [Jakobus] Onnen und [Karl] Poltke. Selbstverlag Deutsche Kolonialschule, Witzenhausen 1938 (online als PDF bei Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg).
  • Deutsche Kolonialprobleme. Reichsberufswettkampfarbeit der Kolonialschule Witzenhausen. von Klaus-Günther Brackmann (neu bearb. von Jakobus Onnen). Berlin 1940.

Literatur

  • Jürgen Matthäus: The last Jew in Vinnitsa: Reframing an Iconic Holocaust Photograph. In: Holocaust and Genocide Studies. Jahrgang 37, Ausgabe 3, 2023, S. 349–359, doi:10.1093/hgs/dcad053 (englisch).
  • Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Bd. 73 (2025), Heft 9, S. 705–729.

Einzelnachweise

  1. a b Holger Szyska: Foto mit erschossenem Juden: SS-Mörder soll aus Ostfriesland sein. In: Neue Osnabrücker Zeitung. 30. September 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  2. Moritz Geier: Mein Onkel, der Mörder. In: Süddeutsche Zeitung. 2. Januar 2026, abgerufen am 19. Januar 2026.
  3. a b c d e Historian uses AI to help identify Nazi in notorious Holocaust image. In: The Guardian. 2. Oktober 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  4. a b c d e Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 2025, Nr. 9, 2025, S. 705–729, hier: S. 711.
  5. a b Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 2025, Nr. 9, 2025, S. 705–729, hier: S. 715.
  6. Holger Szyska: Wie Jakobus Onnen aus Tichelwarf zum Kriegsverbrecher wurde. In: Neue Osnabrücker Zeitung. 28. Oktober 2025, abgerufen am 18. Januar 2026.
  7. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/31241131
  8. 40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen. Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Deutschen Kolonialschule Witzenhausen 1898–1938. Bearb. von [Jakobus] Onnen und [Karl] Poltke. Selbstverlag Deutsche Kolonialschule, Witzenhausen 1938 (online als PDF bei Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg).
  9. Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 2025, Nr. 9, 2025, S. 705–729, hier: S. 712, 717.
  10. Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 2025, Nr. 9, 2025, S. 705–729, hier: S. 716 f..
  11. Mutmaßlicher NS-Mörder identifiziert: Deutscher Historiker löst nach Jahrzehnten Rätsel von berüchtigtem Holocaust-Foto. 2. Oktober 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  12. a b c Klaus Wiegrefe: (S+) Holocaust: Wie KI half, diesen Mörder zu identifizieren. In: Der Spiegel. 22. September 2025, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 3. Oktober 2025]).
  13. Deutscher Historiker nutzt KI, um das berüchtigtste Holocaust-Foto freizulegen. In: Reporteri. R Media LLC, 2. Oktober 2025, abgerufen am 25. Oktober 2025.
  14. Rheiderland Zeitung: Weener auch »eine Stadt der Täter«. 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  15. NWZonline.de: Holocaust-Täter auf Ehrenmal in Ostfriesland: Stadt Weener zieht Konsequenzen nach Identifizierung von SS-Mann. 11. November 2025, abgerufen am 11. November 2025.
  16. Kriegsverbrecher: Nazi-Name auf Ehrenmal in Weener ist verdeckt. Abgerufen am 9. Dezember 2025.
  17. Fotos des Holocaust: So starben Chiwa Wasseljuk und ihr Sohn Boris - WELT. Abgerufen am 3. Oktober 2025.
  18. Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R: Identität des Täters auf erschütterndem Holocaust-Foto geklärt. 30. September 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  19. a b c Holocaust: Diese Bildikone des Judenmordes ist endlich entschlüsselt - WELT. Abgerufen am 3. Oktober 2025.
  20. Die für die Identifizierung genutzten Bilder sind teilweise hier abgedruckt: Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 2025, Nr. 9, 2025, S. 705–729 (metropol-verlag.de [PDF]).
  21. Mutmaßlicher NS-Mörder identifiziert: Deutscher Historiker löst nach Jahrzehnten Rätsel von berüchtigtem Holocaust-Foto. 2. Oktober 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  22. Gazeta Express: Deutscher Historiker nutzt KI, um das berüchtigtste Holocaust-Foto freizulegen. In: Gazeta Express. 3. Oktober 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  23. Mutmaßlicher NS-Mörder identifiziert: Deutscher Historiker löst nach Jahrzehnten Rätsel von berüchtigtem Holocaust-Foto. 2. Oktober 2025, abgerufen am 3. Oktober 2025.